„Münchner Straße“ - Zu Besuch in der Traditionskulisse

Menschenleer. Und das bei strahlendem Sonnenschein. Wolkenfreier Himmel, das Barometer auf mehr als 30 Grad geklettert. Und trotzdem: Kein Mensch sitzt vor dem Eiscafé Cortina. Auch der Antiquar, das Sportgeschäft und der Friseur auf der anderen Straßenseite haben geschlossen. Der Feinkostladen um die Ecke: verwaist. Das gesamte Großmarktviertel – eine Geisterstadt. Zombie-Alarm à la „The Walking Dead?“

Nein. Nur Drehpause bei “Bella Germania” in der Kulisse „Münchner Straße“. Weite Teile des italienischen Familienepos‘ und Event-Dreiteilers sind in diesem Sommer in der größten Außendrehkulisse der Bavaria Film entstanden. Auch an diesem heißen Juli-Tag standen Schauspieler wie Kostja Ullmann und Stefan Kurt hier vor der Kamera – und haben sich mit den Handwerkern beinahe die Klinke in die Hand gegeben. Denn bis kurz vor den Dreharbeiten ist die „Münchner Straße“ fast komplett renoviert worden. Das Ergebnis: Eine Location, die deutschlandweit zu den Top-Adressen für Film- und Fernsehschaffende zählt.

Vier Monate haben im Schnitt zehn Kulissenbauer des Bavaria Studios Art Department die Münchner Straße wieder auf Vordermann gebracht. 900 Liter Fassadenfarbe gingen dabei drauf, 70 Säcke Fassadenputz, zwei Kilometer Klebebänder. Sämtliche Fassaden und Dächer sind erneuert worden. „Den Anstrich haben wir gleich von einer Kunstmalerin auf alt patinieren lassen, damit die Farben im Film nicht zu neu aussehen“ sagt Projektmanager Mathias Blank. Auch ein ganz neues Fassadenstück wurde errichtet. Es sorgt jetzt dafür, dass die Münchner Straße ein geschlossenes Gebäudeensemble darstellt.

„Bella Germania“ spannt einen Erzählbogen von den ersten italienischen Gastarbeitern der 60er Jahre auf ihrem Weg vom fremden Gast zum vertrauten Nachbarn im Deutschland von heute. Nicht nur die Darsteller mussten sich also immer wieder verändern. Auch die Münchner Straße musste sich wandeln, um die unterschiedlichen Jahrzehnte glaubhaft abzubilden. Dabei blickt die Kulisse selbst auch auf eine mehr als 30-jährige Geschichte zurück: Die Bavaria Film baute das Drehmotiv 1986 eigens für die Serie „Löwengrube“ (Regie: Rainer Wolffhardt). Damals stand noch ein Kirchenbau in der Kulisse – bis er, wie die gesamte Straße, während eines fiktionalen Kriegs in der Serie komplett zerstört wurde. Beim Wiederaufbau wurde aus der Kirche ein 50er-Jahre-Kaufhaus. Später wurde an derselben Stelle die Kulisse „Haus Höppner“ für die TV-Serie „Die Unzertrennlichen“, nach den Drehbüchern von Christiane Sadlo, gebaut.

Ansicht

Bella Germania

Vater und Tochter? Julia Becker (Natalia Belitski) trifft auf ihren tot geglaubten Vater Vincenzo Marconi (Stefan Kurt). Mit einem Schlag hat sie eine riesige Familie. Und ihr wird klar, wie sehr ihr diese (italienischen) Wurzeln gefehlt haben.

© Gregor Schnitzler/ ZDF

© Gregor Schnitzler/ ZDF

Die Münchner Straße bestand immer aus so genannten Halbkulissen, die den Anschein von Tiefe erwecken, sowie begehbaren Vollkulissen. Letztere sind heute mit mobilen Wänden ausgestattet. „In der Münchner Straße gibt es vier Vollkulissen“, sagt Kathrin Werner, Leiterin Vermietung & Verpachtung der Bavaria Film. „Darunter ist ein Gefängnis und ein Gerichtssaal. Beides ist im öffentlichen Raum nur schwer anzumieten und daher für Filmemacher besonders attraktiv“. Auch Treppenabgänge seien in Studiohallen nur unter großem Aufwand nachzubauen. „In unseren mehrstöckigen Vollkulissen ist das alles schon vorhanden“, sagt Werner.

Begeistert zeigt sich davon auch Petra Heim, Setdesignerin der Produktion „Bella Germania“. „Vielseitig und flexibel: Das macht eine gute Kulisse aus“, sagt sie. heim war bereits bei der Grundsteinlegung des Sets für die „Löwengrube“ beteiligt und hat damit eine besondere Beziehung zur „Münchner Straße“. Gegenüber Hallenbauten sieht sie hier viele Vorteile: „Das geschlossene Ensemble bietet eine Vielzahl möglicher Kameraeinstellungen, die in einem Studio nicht so einfach möglich wären.“ Man könne Fenster öffnen und nach Draußen filmen, die Umgebung sie da und müsse nicht erst geschaffen werden. Dadurch lassen sich Szenen sehr viel realer darstellen.

Auch Ronald Mühlfellner, Produzent bei der Bavaria Fiction und verantwortlich für „Bella Germania“, ist begeistert von der neuen Münchner Straße. „Für uns war es ideal hier zu arbeiten“, sagt Mühlfellner. „Man stelle sich vor, wir müssten das in einem tatsächlichen Großmarktviertel drehen – eigentlich undenkbar.“ Man habe den Drehort 360 Grad im Griff gehabt sowie Synergien und Infrastruktur vor Ort nutzen können. Das Bavaria-Gelände ist ein Gelände der kurzen Wege: Die Produktionsbüros, der Kostüm- und Requisitenfundus sowie die Postproduktion sind nur wenige Meter voneinander entfernt. „Das konnten wir nur hier am Medienstandort Geiselgasteig.“

Die Dreharbeiten zu „Bella Germania“ sind mittlerweile abgeschlossen. Viel Zeit zum Entspannen hat die Münchner Straße allerdings nicht: Die nächsten Produktionen stehen bereits in den Startlöchern.

 

Text: Martin Brückle