Diversity Tag: Produzent Oliver Vogel im Interview

Mo., 25. Mai 2020 feature Bavaria Fiction Content

Oliver Vogel, Produzent und Chief Creative Officer der Bavaria Fiction, appelliert anlässlich des Diversity-Tags an die Film- und TV-Branche, Vielfalt noch stärker in den Fokus ihrer Arbeit zu rücken - vor und hinter der Kamera.

© 2019 Bavaria Film / Stella Bode

Herr Vogel, hat sich in Film und Fernsehen die Sichtbarkeit und Gleichberechtigung in Bezug auf Behinderung, sexuelle Orientierung und Identität, kulturellen Hintergrund und Geschlecht in den vergangenen Jahren zum Positiven verändert?

Im Vergleich zu den 90er Jahren, in denen ich als Produzent meine erste Serie produzierte, hat sich viel getan – sowohl gesellschaftlich als auch in Filmen und Serien. Man darf nicht vergessen: Bis 1990 galt Homosexualität laut WHO als Krankheit, erst seit 1994 ist Homosexualität in Deutschland nicht mehr strafbar, und erst 2018 hat die WHO Transsexualität als psychische Krankheit gestrichen. Wie langsam sich unsere Gesellschaft an diese Fakten anpasst, sieht man jedoch daran, dass erst in diesem Jahr Konversionstherapien unter Strafe gestellt wurden, obwohl sich die Mehrheit der Mediziner längst einig war, dass eine Unterdrückung der sexuellen Identität Depressionen, Angsterkrankungen oder ein erhöhtes Suizidrisiko hervorrufen kann. Wenn unsere Gesellschaft so träge auf Veränderungen reagiert, dann kann es nicht verwundern, dass die Sichtbarkeit von Diversität im Fernsehen nicht über Nacht geschieht. Ja, es hat sich viel getan in den vergangenen Jahren, aber wir sind in puncto Diversität vor und hinter der Kamera noch lange nicht am Ziel angekommen.

In Ihrer Serie „Dr. Klein“ haben Sie Inklusion und Diversität bewusst in den Mittelpunkt gestellt. Dafür sind Sie mit dem Fairness-Preis ausgezeichnet worden. Doch zeigt vielleicht die Tatsache, dass ein solcher Preis verliehen wird, dass der Weg noch lang ist, bevor Stereotype im TV gar keine Rolle mehr spielen?

Für „Dr. Klein“ haben wir am Anfang keineswegs nur Lob erhalten. Eine große deutsche Tageszeitung hat uns regelrecht dafür zerrissen, dass in „Dr. Klein“ Inklusion und Diversität im Mittelpunkt der Handlung standen und wir uns erlaubt haben, neben einer kleinwüchsigen Ärztin namens Dr. Klein, noch weitere diverse Randgruppen als Hauptrollen  in der Serie zu platzieren. Uns wurde vorgeworfen, dass wir quasi alle Rollen als stereotype Charaktere entwickelt und besetzt haben.

© 2019 ZDF/Bavaria Fiction/Moritz Brucker

„Dr. Klein“ hatte den ersten homosexuellen Chefarzt einer deutschen Krankenhausserie, gespielt von Miroslav Nemec. Ich weiß nicht, wie man die Besetzung eines Chefarztes als stereotyp, also in unserer Kultur als typisch oder akzeptabel, bezeichnen kann. Zumindest war diese Rolle der Anlass für einen, nennen wir ihn mal Amtsträger, in einem Brief das ZDF aufzufordern, die Serie sofort abzusetzen, da im Vorabend nicht gezeigt werden dürfe wie „zwei Homosexuelle unter der Dusche kopulieren“.  Im Übrigen hatten die Beiden gar nicht kopuliert, sondern standen zusammen unter der Dusche und hatten einen Streit, der darin endete, dass der Lebenspartner des Chefarztes die Dusche verließ, und sie in dieser Folge gar nicht mehr kopuliert haben. Lob für die Serie und unser Engagement kam vor allem vom ZDF. Für den Sender war „Dr. Klein“ von Anfang an ein Juwel oder ein Diamant, wie Heike Hempel die Serie gerne nannte und die unseren Showrunner und Headautor Torsten Lenkeit immer hoch gelobt hatte. Und ja, nach fünf Jahren haben wir für die Serie „Dr. Klein“ einen Preis für unser Engagement für Diversität vor und hinter der Kamera bekommen.

Ansicht

Berlinale 2018

Torsten Lenkheit (Headutor und Produzent von "Dr. Klein"), ChrisTine Urspruch, Elisabeth von Koch, Charity Laufer, Oliver Vogel (Produzent von "Dr. Klein" und CCO Bavaria Fiction) und Karim Günes beim Empfang der Bavaria Fiction auf der Berlinale 2018.

© 2018 Bavaria Fiction/Andreas Schlieter

© 2018 Bavaria Fiction/Andreas Schlieter

Die Serie war ein großer Zuschauererfolg. Ein Beweis dafür, dass das Publikum vielleicht sogar schon einen Schritt weiter ist, als ihm von Medienschaffenden unterstellt wird?

Die Zuschauer stehen im Mittelpunkt, für sie machen wir Programm, und wir müssen sie ernst nehmen. Ich glaube, dass wir mit "Dr. Klein" vor allem die Zuschauer als Fans gewinnen konnten, die ohnehin keine Probleme mit Diversität haben. Von denen kam extrem viel positives Feedback, vor allem in den sozialen Medien. Aber es denken ja nicht alle so. Nehmen wir mal als Beispiel das Thema Integration. Die Mehrheit der Deutschen haben keine Probleme mit Migranten. Sieht man sich aber die genaue Zahl an, bewerten laut Integrationsbarometer 64% das Zusammenleben von Einheimischen und Zuwanderern als positiv. Das heißt im Umkehrschluss: 36% sehen es als nicht so positiv. Bei  Vorurteilen handelt es sich letztlich oft um Ängste, die durch Unwissenheit entstehen: Diejenigen, die im Alltag Umgang mit Migranten haben, sind ihnen gegenüber offener eingestellt; wohingegen Menschen, die kulturelle Vielfalt nicht erleben, eher zu Skepsis neigen. Filme und Serien können das durchaus beeinflussen.

Spiegeln deutsche Serien- und Filmproduktionen hinreichend wider, wie divers die Gesellschaft tatsächlich ist? Sind andere Länder möglicherweise weiter?

Fast alle Medienschaffenden sind weltoffen und diversen Gruppen gegenüber sehr aufgeschlossen. Dennoch wird im Drehbuch noch oft explizit erklärt, dass der Polizist in Berlin türkischer Herkunft ist, damit er im Neuköllner Kiez besser ermitteln kann, weil dort überwiegend Menschen aus seinem Sprachraum leben. Die nächste Stufe muss sein, dass wir jede Rolle, die im Drehbuch einen deutschen Namen trägt, auch mit einem Türken, einem Kameruner oder Libanesen besetzen können, ohne im Drehbuch zu erklären, dass er so gut deutsch spricht, weil er schon im Alter von fünf Jahren nach Deutschland kam und vor seiner Polizeilaufbahn ein paar Semester Lehramt Deutsch studiert hat, damit sich das Publikum nicht wundert, woher er so gut deutsch kann. In anderen Ländern trifft das Thema Diversität ebenfalls einen Nerv, aber auch hier ist man nicht unbedingt weiter. Man erinnere sich nur an die Diskussionen im letzten Sommer, als bekannt wurde, dass Halle Bailey die kleine Meerjungfrau Arielle spielen sollte. Eine kurze Meldung von Disney, die genügte, um tausende weiße Twitter-Nutzer in USA ausrasten zu lassen. Oder die „So White“-Thematik bei den Oscars und den BAFTAS, oder die Initiative des französischen Schauspielerkollektivs „Noire n’est pas mon métier“ – „Schwarz sein ist nicht mein Beruf“.

© 2018 Bavaria Fiction/Wolf Gaertner

In der Bavaria Film Gruppe sind Vielfalt und Diversität gelebte Werte. In einer eigenen Employer Branding-Umfrage haben die Aussagen „Ich finde, dass wir ein offenes und tolerantes Unternehmen sind“ sowie „Vom Anzugträger bis Paradiesvogel – bei uns darf jeder sein wie er ist“ große Zustimmung erfahren. Wie drückt sich Diversität am Set aus – vor und hinter der Kamera? Und ist gelebte Diversität heute ein wichtiges Kriterium für eine hohe Arbeitgeberattraktivität?

Unternehmen stehen heute vor zwei großen Herausforderungen: Der demografische Wandel und der Wertewandel. Die Zahl der Schulabgänger und der Erwerbstätigen wird weiter sinken, in den Medien steigt jedoch der Bedarf an Content und somit der Bedarf an Personal. Und gleichlaufend zur Alterung der Gesellschaft zeichnet sich eine deutliche Werteverschiebung bei den zukünftigen Leistungsträgern ab. Werte wie z. B. Selbstbestimmung, Diversität, Nachhaltigkeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind für die Menschen wichtige Fragen bei der Wahl des Arbeitgebers. Die Ressource Mensch gewinnt wieder vermehrt an Bedeutung. 67 % der Stellensuchenden ist Diversity im Team wichtig. Denn Vielfalt schafft Vertrauen und ein Umfeld, in welchem sich alle sicher fühlen und jeder seine individuellen Fähigkeiten und Stärken einbringen kann. Und dass sich das auf den Erfolg eines Unternehmens auswirkt, zeigt eine McKinsey-Studie aus dem Jahr 2018. Unternehmen, die sich durch einen hohen Grad an Diversität auszeichnen, haben eine größere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein.

 

Das Gespräch führte Dr. Sebastian Feuß (Unternehmenssprecher Bavaria Film GmbH).

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