"Wir alle sind Hochstapler" - Detlev Buck und Jannis Niewöhner im Interview

Ein Sonntagnachmittag in München. Aber nicht irgendeiner. Sondern der Nachmittag vor der großen Weltpremiere des Kinofilms "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Regisseur Detlev Buck und Hauptdarsteller Jannis Niewöhner sitzen auf antikem Mobiliar im Hotel Bayerischer Hof und sind merklicher Vorfreude auf den Abend: endlich wieder Kino, endlich wieder Roter Teppich. Im Interview sprechen die beiden über ihre Sehnsucht nach Familienfilmen und erzählen, warum die besten Hochstapler im Verborgenen weilen.

Herr Buck, Thomas Mann hat mit der Arbeit am Roman 1910 begonnen. Welche Relevanz hat diese Geschichte mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung für die Gegenwart?
Buck: In unseren Grundzügen verändern wir Menschen uns nicht. Auch nicht die Themen, die uns beschäftigen. Heute wie damals leben wir in einer Welt unterteilt in Arm und Reich. Weiterhin versuchen wir in dieser Welt  unser persönliches Glück zu finden. Das ist bei Krull auch so: Er will nicht in Armut enden wie sein insolventer Vater. Stattdessen entscheidet er sich für die Schönheit des Lebens. Dies tut er mit einer Leichtigkeit, die ihn zu einer bewundernswerten Figur macht.

Sie spielen diese Figur, Herr Niewöhner. Wie haben Sie Ihre Rolle angelegt?
Niewöhner: Weder modern noch historisch. Die Geschichte spielt in einer ganz eigenen Welt, die gleichermaßen mit der Vergangenheit wie mit der Gegenwart zu tun hat. Ich wollte Felix Krull als Menschen mit großer Lebenssehnsucht spielen. Die haben wir schließlich alle. Sie ist unabhängig von der Zeit, in der eine Geschichte spielt.

© 2021 Warner Bros. Pictures

Herr Buck, haben Sie in der Entwicklung auch darüber nachgedacht, „Felix Krull“ ganz neu zu interpretieren – als Geschichte, die im Jahr 2021 spielt?
Buck: Wir sitzen hier im Bayrischen Hof und wenn ich so aus dem Fenster sehe und mir die fetten Autos angucke, die Kleider der Damen, die Attitüde der Reichen, dann frage ich mich schon: Ist denn die Zeit stehen geblieben? Das ähnelt ganz stark dem Pariser Luxushotel, in dem Felix Krull arbeitet. Da müssen wir eigentlich gar nichts neu interpretieren. Nur die Sprache ist natürlich heute eine andere.

Im Film arbeiten Sie mit einem Sprach-Mix: Da treffen Thomas Mann-Sätze auf Dialoge aus der Feder von Drehbuchautor Daniel Kehlmann und Ihnen. Wie muss ich mir die Arbeit am Buch vorstellen?
Buck: Daniel und ich haben uns zunächst einmal sehr viele Gedanken über die Struktur des Films gemacht, anschließend über die Charaktere. Erst wenn ein Charakter feststeht, dann spricht er. Daniel ist derart in der Welt von Thomas Mann und seiner Zeit zuhause, dass er dessen Dialoge so verknappen und modernisieren kann, dass keine Brüche entstehen oder etwas verfälscht wird. Es hat total viel Spaß gemacht, mit Daniel in diese Zeit einzutauchen.

Sie haben dem Zeit Magazin gesagt, dass der Film nie etwas anderes sein sollte als „ein im besten Sinn altmodischer Familienfilm“. Das hört sich etwas abschätzig an.
Buck: Überhaupt nicht. Ich habe eine sehr große Sehnsucht nach altmodischen Filmen, die eine klare Struktur haben und nach längstens 120 Minuten auf den Punkt kommen. Dazu darf man gerne auch schwelgen in großen Kino-Bildern.

Teilen Sie diese Sehnsucht, Herr Niewöhner?
Niewöhner: Ich liebe gute Familienfilme. Meine schönsten Kinoerlebnisse hatte ich zusammen mit meiner ganzen Familie. Wenn alle zusammen während eines Films weinen müssen oder unglaublich happy aus dem Kino gehen, dann ist das wunderbar. Unser Film ruft so viele Assoziationen hervor, die alle Altersklassen miteinander teilen können: zum Beispiel die Darstellung der ganz eigenen Welt des Pariser Luxushotels, der Liebe zwischen Krull und Zaza, auch des Mystischen, das den Uhrmacher umgibt, bei dem Felix seine Diebstähle zu Geld macht.

Ihnen war die Figur Felix Krull lange vor dem Film schon sehr vertraut. Es heißt, dass ihr Onkel, ein großer Thomas Mann-Fan, in Ihnen als Kind einen kleinen Felix Krull gesehen hat und Ihnen daraufhin den Roman geschenkt hat.
Niewöhner: Ich hatte schon als Kind eine extreme Spielfreude, habe mich immer auch gerne verkleidet, bin in unterschiedliche Rollen geschlüpft. Und ich habe das Glück, dass ich schon immer sehr viel Lebenslust verspürt habe und auf andere übertragen konnte. So wie Krull eben. Mein Onkel hat mir den Roman wegen dieser Parallelen geschenkt, das stimmt. Und trotz der vielen Schachtelsätze sowie der Tatsache, dass ich keine große Leseratte war, konnte ich den Roman damals schon sehr gut lesen und verstehen. Irgendwie habe ich einen Zugang zum Hochstapler Krull gefunden.

© 2020 Warner Bros. Pictures / Marco Nagel

Wie definieren Sie denn den Begriff Hochstapler?
Niewöhner: Das ist total schwer… Am Ende sind wir doch alle irgendwie Hochstapler. Denn wir alle beobachten unsere Mitmenschen genau und wollen geliebt werden. Dafür tun wir alles. Auch deshalb ist unser Film übrigens ein Familienfilm, weil jeder dieses Gefühl kennt – bewusst oder unbewusst. Das ist keine Frage der Generation.

Sicherlich gibt es aber unterschiedliche Grade der Hochstapelei. Wer sind denn die größten Hochstapler heute, Herr Buck, und wo sind die zu finden?
Buck: Och, da gibt es so einige... Denken wir doch mal an die Immobilienbranche. Oder an den Fall Wirecard – ein Paradebeispiel misslungener Hochstaplerei!

… wobei die Ex-Wirecard-Vorstände damit keine Hochstapler im Mann’schen Sinne sind…
Buck: … richtig, ein guter Hochstapler fliegt nicht auf – und deshalb sind die Besten auch noch unter uns (lacht). Es gibt so viele Menschen, die nichts können – außer zu blenden und einem irgendwas unterzujubeln. Krull legt sein Meisterstück am Hofe des Königs in Lissabon ab. Der sagt am Ende: Ach, mir ist die Kopie eigentlich lieber. Das musst du erstmal hinbekommen, dass jemand sagt: Das Original ist langweilig, ich nehme die Kopie – weil sie mir schöner zuredet.

Niewöhner: Krull nutzt seine Gabe natürlich in erster Linie für seine Zwecke, aber die Leute, die auf ihn hereinfallen, haben immer auch etwas davon. Das ist das Besondere an der Figur.

Herr Niewöhner, Produzent Markus Zimmer wollte Krull schon Anfang der 2010er realisieren. Schon damals waren Sie erste Wahl als Krull und haben 2012 auch gleich zugesagt. Fast zehn Jahre später kommt der Film jetzt ins Kino. Was macht die Rolle so spannend, dass Sie auch nach 10 Jahren gesagt haben: Den Krull will ich nach wie vor unbedingt spielen?
Niewöhner: Die Geschichte von Felix Krull hat eine fantastische Leichtigkeit. Diese zu transportieren macht unglaublich viel Freude als Schauspieler.

Herr Buck, warum ist Jannis Niewöhner der perfekte Felix Krull?
Buck: Zunächst mal sieht Jannis fantastisch aus. Thomas Mann hat Felix Krull auch als sehr schönen Mann beschrieben. Damit steht Jannis in der Tradition von Horst Buchholz, der den Krull 1957 in der ersten Verfilmung gespielt hat. Und viel hässlicher als Horst Buchholz ist Jannis nun wirklich nicht… (lacht).

Niewöhner: … vielen Dank, Buck. (lacht)

Buck: Jannis hat außerdem eine naturgegebene, positive Ausstrahlung. Wenn man mit ihm irgendwo hingeht, sieht man, wie die Leute ihn mit offenen Armen begrüßen und sagen: ‚Hach, ist das nicht ein herzensguter Mensch!‘ Jannis hat zudem ein Auge für die Schönheit der Dinge. Wie Krull.

© 2020 Warner Bros. Pictures

Herr Niewöhner, war Detlev Buck der perfekte Regisseur für den Film?
Niewöhner: Na klar… (lacht)

Buck: … wusste ich aber vorher selbst nicht (lacht).

Niewöhner: Im Ernst: Der größte Fehler bei einer Romanverfilmung ist der verkrampfte Gedanke: ‚Jetzt müssen wir diesem Werk aber auch gerecht werden.‘ Buck geht anders daran und sagt: nicht versteifen, sondern lustvoll an die Sache gehen. Nicht den Anspruch haben, alles durchplanen zu können und immer gleich perfekt zu sein. Buck hat den Mut, auch mal ins Risiko zu gehen – und das ist wahrscheinlich das wichtigste bei der Verfilmung eines Thomas Mann-Klassikers.

Herr Niewöhner, Herr Buck, herzlichen Dank für das Gespräch.
 

Interview: Dr. Sebastian Feuß

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