"Freud"-Star Ella Rumpf im Interview: "Es gibt nicht nur das, was wir sehen"

Im fulminanten Biopic "Freud" spielt sie das Medium Fleur Salomé: Ella Rumpf. Im Interview erzählt die 25-jährige schweizerisch-französische Schauspielerin, welchen Einfluss Hypnose auf ihr Spiel hatte und was sie von übersinnlichen Kräften hält.

In der Serie "Freud" spielen Sie das Medium Fleur Salomé. Wie haben Sie sich der Figur schauspielerisch genähert?
Das Buch hat mir schon sehr viel gegeben von dem, was die Figur ausmacht. So hatte ich von Anfang an eine klare Vision, wie ich die Fleur anlegen möchte. Ich habe schnell gespürt, in welche Richtung es gehen soll. Um mich dann konkret vorzubereiten, war ich in vielen Wiener Antiquariaten unterwegs und habe ganz tolle Schriften gefunden über Medien, die fast tagebuchartig über Séancen und ihre Alltagserlebnisse berichtet haben. Diese Texte sind um die 1890er Jahre entstanden und unglaublich faszinierend und spannend zu lesen.

Fleur Salomé kann als Medium Botschaften von übernatürlichen Wesen, von Geistern und Verstorbenen empfangen. Inwieweit glauben Sie an Übernatürliches?
Das ist eine sehr persönliche Frage… Ich glaube, dass der Mensch weit davon entfernt ist, alles wahrzunehmen, das existiert. Es gibt nicht nur das, was wir sehen. Manche Tiere zum Beispiel nehmen ja Wärme oder Farben ganz anders wahr als wir Menschen. Oder nehmen Sie W-Lan-Strahlen: Es gibt diese Vibrationen und Wellen, die wir nicht sehen, die uns aber beeinflussen. Leuten zuzuhören, die übernatürliche Erfahrungen gemacht haben wollen, kann spannend sein. Ich finde es auch nicht komplett abwegig, aber manchmal ist es schwer, daran zu glauben.

Freud - Official Trailer

Die bekanntesten Techniken eines Mediums sind Hypnose und Telepathie. Um Hypnose zu verstehen, und sie in "Freud" visualisieren zu können, hat sich Regisseur Marvin Kren selbst hypnotisieren lassen – von einem staatlich geprüften Wiener Hypnotiseur und Psychoanalytiker. Er hat abgebrochen, weil es, so sagt er, für ihn als "Kontrollfreak … ein unfassbar beängstigendes Gefühl" gewesen sei. Haben Sie sich in der Vorbereitung auch hypnotisieren lassen?
Ja, etwas ähnliches habe ich auch gemacht. Wobei mich der Hypnotiseur in Wien eher in einen Zustand der Tiefenentspannung versetzt hat. Ich habe mich darauf eingelassen und habe Fragen zu meiner Figur gestellt. So konnte ich viel unkontrollierter über Fleur nachdenken als in einem komplett wachen Zustand.

Und die Erkenntnisse sind schließlich auch in Ihr Spiel eingeflossen?
Ja, ich habe definitiv Schlüsse ziehen können.

Es war zu lesen, dass Sie die Produktion als physisch und psychisch herausfordernd wahrgenommen haben. Wie meinen Sie das genau?
Es war für alle ein anspruchsvoller Dreh, der aber nicht zuletzt wegen Marvin ganz toll war. Er ist ein großartiger Regisseur. Es macht sehr viel Spaß mit ihm zu arbeiten, weil er uns Schauspieler aus unserer Komfortzone herausholt und uns gleichzeitig das absolute Vertrauen gibt, verbunden mit extrem viel Support.

Das ist Ihnen und Ihrer Arbeitsweise bestimmt sehr entgegengekommen. Es heißt, Sie mögen es, in den kreativen Prozess involviert zu sein und nicht beim Film "angestellt" zu sein.
Absolut. Marvin hat mir sehr viel Space gelassen, ich durfte sehr viel Eigenes einfließen lassen, vorschlagen, wie bestimmte Dinge noch ablaufen könnten. Marvin hat sehr viel Raum gelassen für einen kreativen Austausch am Set und im jeweiligen Moment. Ich liebe es, wenn so eine Zusammenarbeit möglich ist.

Sie sagen, er hat Ihnen sehr viel Freiraum gegeben. Inwieweit verlieren Sie sich denn am Set dann komplett in eine andere Welt – in diesem Fall in die des Wiens im späten 19. Jahrhundert?
Man muss dahingehend ein gutes Mittelmaß finden. Wenn es nötig ist, sich fallen zu lassen, sollte man es können. Das ist eben Schauspielerei: sich fallenlassen für den Moment. Gleichzeitig darf man nicht den Realitätsrahmen verlieren als Schauspieler und sich zu sehr verlieren in seiner Rolle. Jedenfalls nicht, wenn man diesen Beruf länger ausüben möchte.

Wie meinen Sie das?
Als Schauspieler ist man immer auch mit einem Teil von sich selbst in einer Rolle, mit seiner Stimme, mit seinem Körper… Deshalb muss man sehr klar differenzieren zwischen sich und der Rolle. Es ist nicht ideal, wenn es keinen Unterschied mehr gibt.

Gibt es denn etwas, das von Fleur bei Ella geblieben ist?
Für eine Rolle erarbeitet man immer Eigenschaften einer Figur, die nicht unbedingt die eigenen sind. Diese Eigenschaften begleiten einen für eine gewisse Zeit. Dein Körper und dein Geist merken sich alles – auch wenn du es nicht möchtest. Was du machst, das speicherst du. Deshalb musst du immer eine gesunde Balance finden zwischen dir und deinen Rollen. Sonst wirst du irgendwann verrückt.

Sie sind mit 18 allein nach London gegangen und haben dort unter Giles Foreman auch schauspielerische Improvisation gelernt…
… nicht nur Improvisation. Ich habe ganz spezielle Techniken gelernt, die man an englischen Schauspielschulen vermittelt bekommt: wie analysiert man Texte, wie arbeitet man mit Texten, wie erarbeite ich mir Shakespeare, wie Tschechow… So etwas. Ganz konkrete Dinge eben. Daneben gab es viel Tanz, Ballett, Atem- und Stimmübungen. Aber Improvisation war auch ein großer Bestandteil.

Inwieweit ist denn Improvisation in Ihr Spiel der Fleur Salomé eingeflossen?
Das ist die Spontanität im Spiel, der Freiraum, den du dir nimmst, oder den der Regisseur dir gibt. Marvin war sehr offen für Spontanität, für Dinge, die nicht im Drehbuch standen.

Sie haben in Ihrer jungen Karriere schon ein paar Preise gewonnen. Jetzt wurden Sie im Rahmen der Berlinale als European Shooting Star ausgezeichnet. Was bedeuten Ihnen Preise – und dieser im Speziellen?
Ich arbeite nicht auf Auszeichnungen hin. Vielmehr arbeite ich für die Geschichten, die ich erzählen möchte und für die Figuren, die ich verkörpern möchte. Das ist meine Leidenschaft. Wenn dann jemandem gefällt, was du machst, ist das etwas sehr Schönes. Es gibt dir auch den Mut weiterzumachen.

Der Markt für bewegte Bilder verändert sich: Horizontal erzählte High-End-Serien wie "Freud" werden vom Zuschauer oft einem Kinobesuch vorgezogen. Wie ist das bei Ihnen persönlich: lieber Kino oder lieber Serie?
Lieber Kino. Ich gucke kaum Serien zu Hause. Zum einen weil ich so wenig Zeit habe. Zum anderen denke ich: Wir sind so viel mit Bildschirmen konfrontiert heute, mit Computerbildschirmen, Handys, Tablets… Da muss ich nicht noch Filme und Serien am Bildschirm gucken. Deshalb lieber Kino. Oder zu Hause über einen Beamer.

Drei Folgen "Freud" wurden im Rahmen der Berlinale im Zoo Palast auf der großen Leinwand gezeigt. Sie hätten die übrigen dann wohl auch lieber im Kino gesehen?
Es ist voll schade, dass das so viele Leute nicht im Kino sehen konnten. Es macht viel mehr Spaß als vor dem Laptop zuhause. Natürlich macht "Freud" auch dort Spaß (lacht), aber es wirkt auf der großen Leinwand im Kino halt ganz anders … Deshalb sollte sich jeder einen Beamer zulegen!

"Freud" liegt jetzt bei Netflix quasi im "Schaufenster zur Welt". Sie werden also eine globale Sichtbarkeit bekommen. Unter dem Radar fliegen, sich ausprobieren, improvisieren – das könnte künftig schwerer werden. Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft?
Ich verdränge das alles, solange es noch geht …

 

Interview: Dr. Sebastian Feuß und Martin Brückle