"Nicht ganz koscher": Zwei Männer, eine Wüste

Es ist heiß, fast 30 Grad in der Sonne. Die Luft über dem Asphalt flimmert und selbst im Schatten sind die Augen noch geblendet. Wir befinden uns nicht in der Wüste Sinai. Wir stehen vor dem Eingang zum Grading Studio der D-Facto Motion auf dem Studiogelände der Bavaria Film in Geiselgasteig, südlich von München. Lukas Wanderer stellt sich trotz der Hitze in die pralle Mittagssonne, blickt kurz mit geschlossenen Augen in den Himmel. Er genießt es sichtlich. "Im Studio ist es immer so dunkel. Da gehe ich in den Pausen gerne mal nach draußen", erklärt Wanderer. Er ist verantwortlich für das Grading des Kinofilms "Nicht ganz koscher – Eine göttliche Komödie". Mit dem Projekt hat er sich seinen ersten Kinofilm-Credit als Digital Colorist verdient.

© Alpenrepublik Filmverleih / Enigma Film

Der Film, produziert von Enigma Film, entstand in Zusammenarbeit mit der D-Facto Motion und feiert im Rahmen des Filmfest München Premiere. Die D-Facto Motion, eine Tochtergesellschaft der Bavaria Studios, zeichnet für die gesamte Postproduktion des Kinofilms verantwortlich. Das umfasst das Grading genauso wie die VFX, das Sound Design und auch die Tonmischung. Ein Herzensprojekt aller Beteiligten, an dem schon seit zwei Dekaden gearbeitet wird. Anfang der 2000er haben die beiden Drehbuchautoren und Regisseure Stefan Sarazin und Peter Keller begonnen, die Geschichte von "Nicht ganz Koscher" zu entwickeln. Nach ausgedehnten Recherchereisen zogen sich die beiden schließlich für 40 Tage in die Wüste zurück und schrieben das Drehbuch zu dem Film.

Im Jahr 2011 haben sie dann gemeinsam den Deutschen Drehbuchpreis gewonnen für ihre damals unverfilmte Geschichte von zwei Männern, die sich gemeinsam durch die Wüste Sinai schlagen und dabei religiöse Differenzen überwinden: Der eine ist ultraorthodoxer Jude, der andere, ein Beduine, folgt dem Islam. Am 20. Mai 2022 wurde der fertige Film schließlich mit dem Bayerischen Filmpreis in der Kategorie Produktion ausgezeichnet. Am 29. Juni holte der Film sich den Fritz-Gerlich-Preis, der im Rahmen des Filmfest München verliehen wurde. Deutscher Kinostart war am 4. August.

Zum Inhalt:
In die Wüste geschickt hat sich Ben (Luzer Twersky) glatt selbst. Um den Verkuppelungsversuchen seiner Familie in Jerusalem zu entgehen, bietet er sich kurzerhand an, nach Alexandria zu fliegen, um die einst größte jüdische Gemeinde der Welt zu retten. Der fehlt nämlich dringend der 10. Mann, um das Pessahfest zu begehen. Nachdem Ben zuerst das Flugzeug verpasst hat und dann auch noch in der Wüste Sinai aus dem Bus geflogen ist, wird Adel (Haitham Omari), ein mürrischer Beduine auf der Suche nach seinem entlaufenen Kamel, Bens letzte Hoffnung. Vorwärts geht es für beide Männer nur gemeinsam, aber wie vereint man ultraorthodoxe Religionspraktiken aus Brooklyn mit Beduinen-Pragmatismus aus dem Herzen der Wüste? Als auch noch das Auto den Geist aufgibt, geht es bald nicht mehr nur ums gemeinsame Essen, sondern ums nackte Überleben.

 

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Produzent Frotjof Hohagen (Enigma Film) und Michael Hilscher (Leiter Produktion & Vertrieb, Bavaria Studios) beim Bayerischen Filmpreis, bei dem der Kinofilm "Nicht ganz koscher" den Produzentenpreis gewann.

© 2022 Bavaria Studios

© 2022 Bavaria Studios

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"Nicht ganz koscher" gewinnt beim Bayerischen Filmpreis

Produzent Fritjof Hohagen (Mitte, mit Trophäe) und das Team der D-Facto Motion (v.l.): Manni Gläser, Patricia Christmann, Christian Neff, Frieder Wohlfarth und Lukas Wanderer beim Bayerischen Filmpreis. Der Kinofilm "Nicht ganz koscher" gewann dort den Produzentenpreis.

© 2022 Bavaria Studios

© 2022 Bavaria Studios

Produzent Fritjof Hohagen von Enigma Film trat 2017 an die Bavaria Studios als Partner für das Projekt heran. Michael Hilscher, Leiter Produktion & Vertrieb, vermittelte schnell die D-Facto Motion und deren CEO Waheed Zamani für eine Zusammenarbeit. Zamani stellte zusammen mit Postproduction Supervisor Manni Gläser eine Riege von Nachwuchstalenten für die Produktion zusammen. Michael Hilscher: "Das Projekt zeigt sehr schön, dass die Bavaria Studios Gruppe nicht nur im TV-Entertainment die komplette Bandbreite der Produktions-Dienstleistung anbietet, sondern auch für Kinofilme und Serien."

Alle, die mitgearbeitet haben, betonen zudem unisono: Der Film ist ein absolutes Herzensprojekt. Anders sei er auch nicht zu realisieren gewesen, sagt Manni Gläser. Als das Team 2017 mit den Dreharbeiten begann – on location in Israel (Haifa), Palästina (Jerusalem, Jericho) und Jordanien (Wadi Rum) - waren strenge Kontrollen und behördliche Hürden absehbar. Jedoch nicht, dass man in zwei Blöcken mit zwei Kamerateams und unterschiedlichen Kameramännern drehen würde – im Abstand von mehreren Jahren.

Das wiederum stellte die Mannschaft in der Postproduktion vor Herausforderungen: Das mit unterschiedlichen Objektiven aufgenommene Material musste auf einen konsistenten Look gebracht werden. Dafür entwickelte Grading-Spezialist Lukas Wanderer zunächst eine so genannte LUT (Look-up-table), eine Art Filter, der jedem Farbwert im Bild eine bestimmte Veränderung zuweist. Finalisiert wurde dies zusammen mit Kameramann und Director of Photography Holger Jungnickel. So wurde der gesamte Look des Films vorgegeben.

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Nicht ganz koscher

Adel (Haitham Omari) und Ben (L. Twersky) suchen in der Wüste nach Wasser. Der Himmel wurde in der Postproduktion leicht blau eingefärbt, um die Hoffnung der Protagonisten widerzuspiegeln.

© 2022 Enigma Film

© 2022 Enigma Film

Angewandt auf einzelne Einstellungen waren dennoch viele Korrekturen nötig: Einige Rohdateien aus den Kameras wurden beispielsweise zusätzlich zur LUT noch aufgehellt und erhielten Abdunkelungen, so genannte Vignetten, um den Blick der Zuschauerinnen und Zuschauer zu lenken. Die Wüstenmotive erhielten generell eine andere Farbsprache als die Stadtszenen. "Wir wollten, dass sich die Wüste auch wie eine authentische Wüste anfühlt. Es gibt dort kein echtes, tiefes Schwarz mehr, die Kontraste haben wir leicht reduziert. Dadurch wirkt die Umgebung noch trockener. Der Himmel hingegen sollte Hoffnung machen, weshalb wir ihn leicht blau eingefärbt haben", erklärt Lukas Wanderer, der auch das VFX-Material seines Kollegen Tobias Kreißl, Visual Effects Supervisor, in den Look des Films übertrug. Dazu gehören etwa wilde Tiere oder der künstliche Sternenhimmel.

Auch dass einer der beiden Protagonisten, der Jude Ben, gleich in den ersten zwei Bildern Straßenabschnitte entlang geht, die in Wirklichkeit tausende Kilometer voneinander entfernt liegen, sollte nicht auffallen. Hier zeigt sich einmal mehr der Effekt von gutem Color Grading: die Farbnuancen und Schattierungen von Asphalt, Kieseln und einem schwarzen Anzug weichen von Schnitt zu Schnitt nach der Bearbeitung nicht mehr voneinander ab.

Derartige Detailarbeiten sind nur umsetzbar, wenn viel Zeit zur Verfügung steht. Sie werden daher nur selten bei TV-Spielfilmen vorgenommen, häufiger jedoch bei Kinofilmen. Die D-Facto Motion hat die Zeit für diese Detailtiefe insbesondere für die jungen Kreativen eingeräumt, erzählt Manni Gläser. Ihm ist es wichtig, dass der Nachwuchs den nötigen Freiraum bekommt, um sich in größere Projekte einzuarbeiten und sich so einen Platz im Abspann verdient. Das galt nicht nur für das Grading, sondern auch für die Tonmischung.

Im Tonstudio der D-Facto Motion hat Christian Neff, Supervising Dialogue Editor und Re-Recording Mixer bei "Nicht ganz koscher", die verschiedenen Audiospuren gemischt. Neben dem Originalton aus den Dreharbeiten landeten bei ihm auch Nachsynchronisierungen oder zusätzliche, nachträglich hinzugefügte Sounds von seinem Kollegen, Sound Designer Frieder Wohlfarth.

"Die Tonmischung war nicht einfach", sagt Christian Neff. "Wer in der Wüste dreht, verlässt sich besser nicht auf das Vorhandensein von Steckdosen." Elektronische Geräte wurden daher mit Generatoren betrieben oder geladen. Ein leises Brummen der Motoren fand sich immer wieder auf der Tonspur und musste sorgfältig entfernt werden. Auch der Wind oder das Knacken von Feuerholz in den oft eingesetzten Lagerfeuerszenen machten sich häufig bemerkbar. Die Nachsynchronisierung war ebenfalls fordernd: Haitham Omari, der die Rolle des Beduinen Adel verkörpert, sprach zum Zeitpunkt des Drehs nur gebrochen Englisch. Und auch Luzer Twersky, der Jude Ben, musste einige Szenen nochmals aufnehmen.

Für eine optimale Verständlichkeit wurden also Nachsynchronisierungen eingeplant. Christian Neff: "In Palästina, der Heimat von Schauspieler Haitham Omari, gibt es nur wenige Synchronstudios. Da konnte die Übertragung von Material in das jeweilige Heimatland der beiden Schauspieler, eine neue Vertonung und die Rückübertragung teils Tage oder sogar Wochen in Anspruch nehmen."

Nicht zuletzt dank der Leidenschaft aller Beteiligten, allen voran der beiden Regisseure und Drehbuchautoren Stefan Sarazin und Peter Keller, konnten sämtliche Hürden genommen werden. Manni Gläser: "Wir haben viel Kraft in das Projekt gesteckt. Aber ich konnte spüren, dass meine Leute nicht nur Spaß bei der Arbeit hatten, sondern auch stolz auf ihre Leistungen sind. Das ist alles, was ich mir für einen Projektabschluss wünsche – gepaart mit einem großartigen Ergebnis."

 

Text: Martin Brückle

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