"Schloss Einstein"-Produzentin Yvonne Abele im Interview: "Jede gute Erzählung braucht einen Schuss Anarchie."

Erfurt – Mit der 25. Staffel von "Schloss Einstein", die derzeit in Erfurt entsteht, feiert die Kinderserie einen Meilenstein. Produzentin Yvonne Abele von Saxonia Media spricht im Interview darüber, warum jede gute Geschichte einen Schuss Anarchie braucht, was die Produktion aus dem erstmals rein digitalen Casting mitnimmt und welche kontroversen Charaktere ans Internat zurückkehren.

Jungen Filmemacherinnen und Filmemachern wird oft empfohlen: "Drehe niemals mit Wasser, Tieren oder Kindern." Wie siehst du das?

Ich drehe am allerliebsten mit allen dreien gleichzeitig. (lacht) Ich kann mich ad hoc an eine Szene erinnern, in der ein Kind, das nicht schwimmen kann, vor einem großen Hund erschrickt, ins Wasser fällt und gerettet werden muss... Uns kann also nur noch wenig erschüttern.

Du bist bei Staffel 14 als Produzentin eingestiegen. Wie kam es dazu?

Ich war davor zwei Staffeln lang Dramaturgin bei "Schloss Einstein". Da wir in unserem kleinen Team keine Producer hatten, war ich inhaltlich also schon sehr stark involviert. Katharina Rietz, die "Schloss Einstein" in Erfurt als Produzentin aufgebaut hat, hatte mich gefragt, ob ich die Produktion übernehmen möchte. Ich musste dann erstmal tief durchatmen. Aber nach zwei, drei Nächten konnte ich es mir dann gut vorstellen. Spätestens seitdem kann ich sagen: Mein Herz schlägt für „Einstein“.

Welche Eigenschaften braucht man als Produzentin einer Jugendserie?

Es braucht unbedingt einen Schuss Anarchie, das macht jede gute Erzählung aus. Ich habe neulich einem Kollegen geschrieben: "Wir hatten heute ein Gewitter und mussten den Dreh abbrechen. War aber kein Problem, denn man konnte sich mit dem Eisbären und der Prinzessin unterhalten." Die Lust daran, humorvoll Grenzen auszutesten und Dinge auszuprobieren, ist auch eine wichtige Voraussetzung.

Was sind eure Inspirationsquellen für eure Geschichten?

Ich stelle ungern Leute ein, die sagen, "ich habe Kinder, deshalb mache ich Kinderfernsehen". Das Schöne am Kinderfernsehen ist schließlich dieses anarchische Moment; genau das zu tun, was Eltern eben nicht so gut finden. Unsere Inspirationen kommen also weniger aus persönlicher Empirie als Eltern, sondern vielmehr aus dem bewussten Perspektivwechsel durch Recherchen in sozialen Netzwerken, Schulen und mehr.

Im Kern erzählen wir Geschichten über Freundschaft und den Alltag. Ganz egal, ob wir unsere Schularbeit auf dem Tablet oder per Hand schreiben: Es geht um Schuldruck, um Entwicklung. Wer sind meine Freunde? Wie fühlt sich das erste Mal verlieben an? Wie verwirkliche ich meine Träume? Freundschaft und Liebe sind zeitlose Themen. Der peinliche Moment des ersten Dates bleibt immer.

Hast du eine Lieblingsszene aus der vergangenen Staffel?

Ein Pärchen hat sich in einer Waschküche mittels Socken als Handpuppen unterhalten. Daraus hat sich ein unglaublich schöner, romantischer Dialog entwickelt. Ohne die Socken wäre er nur kitschig geworden, doch so kam er ganz leicht daher.

Welche "Regeln" gibt es im "Schloss Einstein"-Universum?

Wir sparen härtere Themen aus, also zum Beispiel explizit erzählte Sexualität, Alkohol oder Drogen. Wir produzieren für den KiKA – da weiß man nicht immer, wer da gerade vor dem Bildschirm sitzt. Wenn man solche Themen erzählt, muss man sie auch hart erzählen, die kann man nicht weichspülen. Würden wir das versuchen, würde das uns und unsere Figuren unglaubwürdig machen.

Sonst gibt es drei Botschaften, die wir aussenden möchten: Wenn du den Mund aufmachst, wird dir zugehört. Du kannst etwas bewegen. Und irgendwo auf der Welt ist jemand, der gerne mit dir befreundet wäre.

Jede Staffel steht unter einem übergeordneten Thema. Für die 25. Staffel ist es "Theater auf allen Ebenen". Wieso habt ihr euch für gerade dieses Thema entschieden?

Bei "Schloss Einstein" haben wir den Vorteil, auf Augenhöhe zu erzählen. Alles, was den Einsteinern passiert, kann mir auch passieren. In der 24. Staffel hatten wir das ein bisschen strapaziert: Ein Geheimorden ist nichts, was dir tagtäglich unterkommt. Diesmal wollten wir deshalb an die Tradition anschließen, auf Augenhöhe zu erzählen. Aller Digitalisierung zum Trotz gibt es an fast jeder Schule Theatergruppen. In vielen populären Filmen gibt es Schulaufführungen, weil sie eine schöne Plattform sind, um Charaktere über sich hinauswachsen zu lassen.

Die Lebensrealität von 10- bis 14-Jährigen ist heute bereits sehr digital. Fast alle sind täglich in sozialen Netzwerken unterwegs. Wie setzt ihr das filmisch um?

Das Einstein ist eine "papierlose" Schule. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Autoren keinen Sinn für das Haptische haben. Im vergangenen Jahr hatten wir eine Diskussion über einen Liebesbrief. Wird er mit Stift und Papier geschrieben, per Sprachnachricht eingesprochen oder wird er ins Tablet getippt? Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass er mit dem Stift ins Tablet geschrieben wird. (lacht)

Für die Serie habt ihr euer eigenes soziales Netzwerk entwickelt...

…genau, das "Connector Space". Da zwischen Dreh und Ausstrahlung sechs bis neun Monate liegen, können wir keine aktuellen und realen Social-Media-Challenges in die Geschichten einbauen. Diese wechseln dafür zu schnell.

Die "Einsteiner" videochatten auch untereinander; verschiedene Impulse für neue Geschichten starten immer wieder in digitalen Medien. Im Produktionsprozess sind das zusätzliche Bilder, die immer extra produziert werden müssen. Deshalb überlegen wir uns immer gut, welche Geschichten wir auf welche Art erzählen.

In der neuen Staffel ziehen acht neue Schülerinnen und Schüler ein.  Das Casting fand zum ersten Mal rein digital statt. Wie war das?

Üblicherweise haben wir zwei oder drei Casting-Runden, dieses Mal waren es vier. Im ersten Schritt mussten die Bewerber ein Vorstellungsvideo hochladen, die von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bereits vorsortiert wurden. Wir hatten insgesamt mehr als 2.000 Einsendungen.

In der nächsten Runde waren vier Bewerber gleichzeitig in einem Videoanruf. Da reichten die Probleme von einer schlechten Internetverbindung über Fragen wie "Wo soll ich hingucken" bis hin zu "Wie schalte ich meine Kamera an?". Das waren zwar lösbare Probleme, aber auch Herausforderungen.

Die Dreharbeiten für Staffel 25 laufen von Mai bis Oktober 2021 in Erfurt und Umgebung und finden unter Einhaltung strenger Sicherheits- und Hygieneregeln statt. Die Ausstrahlung erfolgt im Frühjahr 2022 im KiKa.

Wie lief das Casting dann weiter ab?

Wir haben die Bewerber gebeten, ein Gedicht auswendig zu lernen und vorzutragen. Da gab es zwar welche, die den Schimmelreiter aufgesagt haben, andere haben sich jedoch auf "Ich bin so glücklich und froh wie der Mops im Haferstroh" beschränkt – mit den Worten, es würde sich doch reimen. (lacht) Die letzte Runde haben wir dann – unter Wahrung aller Hygieneregeln und Schutzmaßnahmen – in Präsenz durchgeführt. Das ist wichtig, da man auch ein Gefühl für die Physis der Kinder vor der Kamera entwickeln muss: Das Schloss Einstein ist schließlich ein Sportgymnasium.

Das Jahr 2020 war für Kinder eine große Herausforderung. Sie mussten sich mit Dingen auseinandersetzen, die vorher in ihrer Lebensrealität überhaupt nicht vorkamen. Werden Themen wie Social Distancing auch bei euch behandelt?

Ganz bewusst ist Corona bei uns kein Thema. Aus zwei Gründen: Zum einen setzen wir auf Eskapismus. Zum anderen muss man bedenken, dass von der Buchentwicklung bis Ausstrahlung mindestens ein Jahr vergeht. Was Corona mit Schülerinnen und Schülern gemacht hat, war zur Zeit der Entwicklung von Staffel 25 noch gar nicht abzusehen.

Bunt in die Zukunft gedacht: Wie wird in deiner Vorstellung die 50. Staffel "Schloss Einstein" aussehen?

Das kommt darauf an, wie sich all das mit unserem Planeten, den Flugtaxen und so weiter entwickeln wird. Am Ende des Tages wird "Schloss Einstein" auch in 25 Jahren noch ein Ort sein, an dem ich willkommen und aufgehoben bin und mich entfalten darf. Ein Ort, an dem man sich zuhause fühlen kann.

Interview: Martin Brückle und Daniel Kreutzenberger

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